Unterwegs auf der Märchenstraße

Unsere dreitätige Sommerreise begann mit einem Familienbesuch in der Nähe von Heidelberg und führte nach Hessen auf die „Märchenstraße“ bis nach Göttingen in Niedersachsen. Ich wollte mehr über die Lebensstationen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm erfahren, der beiden bekannten Märchensammler und Sprachforscher. Dabei hielt ich auch Ausschau nach Museen und Tipps für Familien mit Kindern. Wir fuhren von Heidelberg über Hanau und Steinau an der Straße bis nach Marburg, von dort nach Göttingen und Kassel. Wir – das sind mein Mann und ich, die Autorin dieses Textes.

Heidelberg – Sehnsuchtsort der Romantik

An diesem warmen Samstagabend ist die Altstadt voller Menschen. Heidelberg ist eine quirlige Universitätsstadt und Touristenmagnet gleichermaßen. Die Ruprecht-Karls-Universität, gegründet im Jahr 1386, gilt als die älteste in Deutschland. Heute wohnen rund 160.000 Menschen in der Stadt am Neckar. Die Altstadt ist barock geprägt und im Sonnenuntergang erstrahlt die Schlossruine am Hang über den Häusern in goldwarmen Farbtönen.

Heidelberg Schloss und Altstadt
1. Heidelberger Schloss und 2. Altstadt von Heidelberg

Was hatten die Brüder Grimm mit Heidelberg zu tun? Gelebt haben sie hier nicht. Aber sie gehörten zum Kreis der „Heidelberger Romantik“. Ihre Hauptvertreter, die Dichter Clemens Brentano und Achim von Arnim, lebten zeitweise in der Stadt und publizierten hier ihre große Sammlung von Volksliedern, zu denen auch die Grimms Beiträge lieferten.1)

Die berühmte Schlossruine wurde – das verrät die Schloss-Webseite – um 1800 wiederentdeckt und zum Inbegriff romantischer Sehnsucht. Dichter, Künstler und Musiker der Romantik suchten eine „verloren geglaubte Welt“ und orientierten sich dabei an der Natur, alten Märchen, Mythen und Bauwerken.2)

Hanau – Die Anfänge

In Hanau wurden die Brüder Grimm geboren, Jacob am 4. Januar 1785 und Wilhelm ein Jahr später am 24. Februar 1786. Sie waren die ältesten von sechs überlebenden Geschwistern. Hier verlebten sie die frühen Jahre ihrer Kindheit. Im Alter von 5 und 4 Jahren erhielten Jacob und Wilhelm ersten Unterricht bei ihrer Tante im Lesen und Schreiben, bekamen einen Französischlehrer und besuchten eine erste Schule.

Am Sonntagmorgen wirkt Hanau wie eine verschlafene Stadt. Hier am Denkmal der Brüder Grimm vor dem Rathaus auf dem großen Marktplatz startet die „Deutsche Märchenstraße“. Eine historische Altstadt findet man im Zentrum Hanaus nicht, die Innenstadt wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört.

Brüder Grimm Denkmal in Hanau und Schloss Philippsruhe
3. Brüder Grimm Denkmal in Hanau und 4. Schloss Philippsruhe

Schön zu besichtigen ist das Schloss Philippsruhe, ehemals ein Barockschloss und laut Webseite „das kleine Versailles am Main“, gebaut ab 1701.3). Die Ausstattung, Gemälde, Ornamentik bieten auch eine dankbare Kulisse für Hochzeiten. Das Standesamt befindet sich im Erdgeschoss. Im Schlosspark verlobten sich die Eltern der Brüder Grimm, sie heirateten 17834.
Heute beherbergt das Schloss Museen, darunter „GrimmsMärchenReich“. Neben einer Ausstellung zum Leben der berühmten Brüder gibt es das „Brüder-Grimm-Mitmach-Museum“ für Kinder ab 4 Jahren. Hier können sie ihr eigenes Märchen zusammenstellen, sich verkleiden, Rätsel und Aufgaben lösen, Bücher erkunden und manches mehr.

Steinau an der Straße – Kindheitsjahre der Brüder Grimm

Die Altstadt wirkt wie aus einem Märchenbuch. Fachwerkhäuser säumen die Straßen. Es gibt ein Schloss und einen Märchenbrunnen mit Froschkönig und Prinzessin. An diesem heißen Sonntagmittag bei Temperaturen von über 30 Grad sind nur wenige Leute unterwegs.

In Steinau verbrachten die Brüder Grimm einige Jahre ihrer Kindheit und besuchten die Schule. Die Familie zog 1791 hierher, weil der Vater seine neue Stellung als „Amtmann“ antrat und damit die Zivilgerichtsbarkeit für Steinau und weitere Orte übernahm. Die Grimms bezogen das stattliche Amtshaus und wohnten dort im unteren Geschoss. Die Amtsräume des Vaters befanden sich im Obergeschoss einschließlich eines Gerichtssaals. Heute ist in dem Gebäude das „Brüder-Grimm-Haus“ untergebracht. Das Museum widmet sich der Familie und dem Leben und Wirken von Jacob und Wilhelm. Vom jüngsten Bruder Ludwig sehen wir – wie auch in Schloss Philippsruhe – einige Zeichnungen. Er wurde Künstler und fertigte auch Illustrationen für die Märchensammlung. Eine alte eingerichtete Küche veranschaulicht das damalige Leben. Im Obergeschoss dreht sich alles um die Märchenwelt.

1796 starb der Vater mit 44 Jahren, für die Familie ein Schlag. Mit sechs Kindern stand die Mutter fast mittellos da und der soziale Abstieg drohte. Die Grimms mussten aus dem Amtshaus ausziehen. Für die Versorgung der Familie wurde fortan die Schwester der Mutter bedeutsam, die bei der Landgräfin und späterer Kurfürstin in Kassel Kammerfrau war. Sie ermöglichte Jacob und Wilhelm den Besuch des dortigen Gymnasiums („Lyceum“). 1778 zogen die beiden Brüder mit 13 und 12 Jahren zur Tante nach Kassel.

Brüder-Grimm-Haus in Steinau an der Straße
5./6. Brüder-Grimm-Haus (ehemaliges Amtshaus) und 7. Altstadt in Steinau an der Straße

Von Steinau nach Marburg

Steinau liegt zwischen Spessart und Vogelsberg und gehört als „Brüder-Grimm-Stadt“ zur Märchenstraße. Von hier aus fahren wir über Landstraßen durch malerische, ja manchmal märchenhaft anmutende Mittelgebirgs-Landschaften, dichte Wälder, Felder, durch Dörfer, Hügel und Täler bis in die Universitätsstadt Marburg. Hier kann ich mir Hans im Glück und andere Märchengestalten wunderbar vorstellen. Nicht weit von Marburg entfernt liegt auch der Nationalpark Kellerwald-Edersee. Laut der Webseite über die Märchenstraße kann man in der Gegend wohl sehr schön Radfahren und Radwandern. Trotz der Hitze haben wir ein paar Leute auf Rädern gesehen.

Marburg – Studienzeit

Die Philipps-Universität Marburg wurde 1527 als evangelische Universität gegründet. Im Jahr 1802 begann Jacob Grimm hier sein juristisches Studium, Wilhelm folgte ein Jahr später. Die Familie investierte in die beiden ältesten Söhne in der Hoffnung, dass sie künftig ihr Auskommen sicherten5. In Marburg entwickelten Jacob und Wilhelm ihre Begeisterung für Bücher weiter, insbesondere auch für Literatur des Mittelalters und die „Poesie des Volkes“6. Beide Brüder waren Vielleser. Zur Schlüsselfigur wurde ihr Lehrer und Mentor Friedrich Carl von Savigny, der ein Netzwerk zu Dichtern der Romantik pflegte. Er machte sie mit Clemens Brentano und Achim von Arnim bekannt. Außerdem öffnete er ihnen seine Privatbibliothek mit juristischer und poetischer Literatur und „regte Jacob und Wilhelm zu ihren künftigen Forschungen an“7. In dieser Zeit etablierte sich ihre brüderliche Arbeitsgemeinschaft. 1805 verließ Jacob Marburg ohne Abschluss (obwohl er ein guter Student war), um Savigny in Paris zu unterstützen, und ging danach Kassel zurück. 1806 legte Wilhelm sein Jura-Examen ab.

Marburg besuche ich immer mal wieder gerne, denn es ist auch eine Rückkehr an meinen Studienort. Ich habe hier vor Jahren das Grundstudium abgeschlossen. Wie die Grimms wohnte ich in der Oberstadt und sogar in derselben Straße 😊.  Das Stadtmarketing war zu der Zeit noch nicht so ausgeprägt wie jetzt. Eine Erinnerungstafel in der Barfüßerstraße an ihrem Wohnhaus gab es schon. Aber heute stößt man vielfach auf die Brüder Grimm und ihre Märchenwelt. Denn seit 2009 gibt es den „Grimm-Dich Pfad“, der durch die Altstadt bis hinauf zum Landgrafenschloss führt.

Ein Ausflug nach Marburg macht auch Familien mit Kindern Spaß. Der Grimm-Pfad ist ein unterhaltsames Suchspiel. Die Altstadt klebt pittoresk am Berghang. Es gibt eindrucksvolle historische Gebäude, Fachwerk, malerische Ausblicke über die Stadt und natürlich viele junge Leute. Die Universität zählt heute knapp 21.000 Studierende. Der Aufstieg zum Schloss und dem Schlosspark ist der Mühe wert, aber ja, es ist teilweise steil und einige Treppen sind zu steigen. Alternativ fährt ein Bus. Ausgesprochen idyllisch ist eine Bootsfahrt auf der Lahn per Ruder- oder Tretboot.

Impressionen aus Marburg, Altstadt, Grimm-Pfad
8. Alte Universität, 9. An der Lahn, 10. Altstadt Marktplatz, 11. Alte Universität Innenhof, 12. Grimm-Pfad: Skulptur Froschkönig und goldener Schuh vor Landgrafenschloss

Kassel – Produktive Jahre

Nach Ende des Studiums waren die Brüder Grimm mit ihren vier Geschwistern und der Mutter in Kassel zunächst wieder vereint. Als die Mutter starb, war Jacob 23 Jahre alt. Mehrere Jahre sorgte er als ältester Sohn allein für den Familienunterhalt. Unter französischer Besatzung wurde er Privatbibliothekar bei König Jerome, einem Bruder Napoleons auf der Wilhelmshöhe (die zu der Zeit ‚Napoleonshöhe‘ hieß).8 Die Brüder Grimm widmeten sich außerdem intensiv ihren Forschungen und literarischen Arbeiten. Wilhelm hatte mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Später nahmen beide Brüder Stellungen in der kurfürstlichen Bibliothek in Kassel an.

1812 erschien die erste Auflage der ‚Kinder- und Hausmärchen‘. Die Sammlung wurde von den Grimms immer wieder überarbeitet, erweitert oder auch gekürzt. Ab 1830 wurde sie zum „Dauerseller“.9 
Die Arbeits- und Lebensgemeinschaft der beiden Brüder blieb bestehen. Auch nachdem Wilhelm 1825 Dorothea Wild geheiratet hatte, mit der er drei Kinder bekam, lebte Jacob mit ihnen im Haushalt. Dorothea gehörte zu dem Kreis der Frauen, die den Brüdern Märchen geliefert hatten. Auch die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff steuerte Märchen bei.
Insgesamt umfasst das Werk der Brüder Grimm über 700 Veröffentlichungen. Manche verfassten sie gemeinsam, meist hatten beide ihre eigenen Themen und Schwerpunkte.10
Ein monumentales Werk, auch im Hinblick auf den Arbeitsaufwand, ist Grimms Wörterbuch („Der Grimm“), das umfassendste Wörterbuch der deutschen Sprache, an dem sie gemeinsam ab 1838 arbeiteten. Sie gelten als Mitbegründer der Germanistik, so heißt es in der ‚Grimmwelt‘.

Kassel ist die Hauptstadt der Märchenstraße. Am Morgen erreichen wir das Museum „Grimmwelt Kassel“, nachdem wir auf der Suche nach einem Parkplatz einige Runden drehen mussten. Das Museum wurde 2015 eröffnet, ist modern und hat ein ungewöhnliches Konzept (von A bis Z – mehr dazu auf der Webseite). Erwachsene und Kinder (empfohlen ab 6 Jahren) durchlaufen eine innovative, abwechslungsreiche Reise durch Leben und Werk. Das Museum besitzt fünf originale Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen. Sie gehören zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Grimmwelt Kassel
13. Museum Grimmwelt Kassel mit 14. Skulptur der Brüder

Professoren in Göttingen

Auch die Universitätsstadt Göttingen ist eine Station auf der Märchenstraße. Hier waren die Grimm-Brüder ab 1830 als Professoren an der Georg-August-Universität tätig. Ihre Zeit endete am 17. Dezember 1837 abrupt: Sie wurden entlassen und Jacob sogar des Landes verwiesen. Denn er und Wilhelm hatten zusammen mit fünf weiteren Professoren („Göttinger Sieben“) gegen die „willkürliche Aufhebung der Rechtsnormen durch die Staatsgewalt“11 protestiert, wie es in der Grimmwelt heißt. Beide Brüder kehrten daraufhin nach Kassel zurück und begannen ihre Arbeit am Deutschen Wörterbuch.

Göttingen Altstadt
15. Gebäude mit Aula, 16. Marktplatz

Für uns war es der erste Kurzbesuch in Göttingen, die dritte traditionsreiche Universitätsstadt in drei Tagen. Trotz der Hitze war im Zentrum einiges los. Das Uni-Gebäude mit der Aula am Wilhelmsplatz – dort hängt die Gedenktafel an die Göttinger sieben – war leider geschlossen. Daher hier nur ein Foto von außen.   

Die Märchenstraße schlängelt sich durch große Teile Hessens und verläuft weiter nach Norden bis Bremen und Buxtehude, aber für uns war in Göttingen Schluss. Wir haben den Schwerpunkt auf die Brüder-Grimm-Stationen gelegt. Daneben gibt es viele weitere: Schlösser, historische Städte wie Alsfeld oder Hameln, Naturparks, Wälder, Museen.

Autorin: Natascha Wickerath

Quellen:
1) Steffen Martus: Die Brüder Grimm – Eine Biografie, Rowolt, 2013, S. 87/ S. 108
2) https://www.schloss-heidelberg.de/wissenswert-amuesant/dossiers/romantik (24.08.2026)
3) https://www.museen-hanau.de/besuch/schloss-philippsruhe (24.08.2026)
4) Steffen Martus, ebd. S. 15
5) vgl. Steffen Martus, ebd. S. 57
6) vgl. Infotafel (Studium) in „GrimmsMärchenReich“, Schloss Philippsruhe
7) Steffen Martus, ebd. S. 79
8) vgl. Steffen Martus, ebd. S.132ff
9) vgl. Steffen Martus, ebd. S. 204/S. 220
10) vgl. Infotafel (Werk) in „GrimmsMärchenReich“, Schloss Philippsruhe
11) Grimmwelt Kassel

Weitere Infos:
https://www.deutsche-maerchenstrasse.com/
https://www.museen-hanau.de/ausstellungen/grimmsmaerchenreich
https://www.brueder-grimm-haus.de
https://www.marburg-tourismus.de/maerchen
https://www.grimmwelt.de/

Auf den Spuren der Brüder Grimm
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